Zweinutzungsrinder im Trend
MIT KREUZUNG ZU MEHR ERTRAG

ZWEINUTZUNGSRINDER. An Fleisch dachte Bernd Thies in den letzten Jahren nur, wenn es lecker zubereitet auf seinem Teller lag. Aber nicht, wenn der hochgewachsene Landwirt in kniehohen grünen Gummistiefeln durch die Stallungen seines Hofs in Steenfeld schritt. Da schaute er wie seine Kollegen in Schleswig-Holstein im Wesentlichen auf die Milchleistung seiner Tiere. In der Rinderwirtschaft des hohen Norden gab es praktisch nur Platz für Kühe.

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Das ändert sich. Natürlich hat das auch mit der Quoten- und Preispolitik zu tun. Ein gutes Feld für Harald Sachau, den Rinderexperten der Vion Zucht- und Nutzvieh GmbH in Neumünster. Als Einkäufer für den Fleischkonzern Vion braucht er nicht nur Menge, sondern auch verschiedene Qualitäten – fleischige Jungbullen und nicht nur Kühe. Durch intensive Beratung der Rinderbetriebe gelingt es immer öfter, die Bauern davon zu überzeugen, auf Kreuzung mit Fleischrindern zu setzen und so auf beiden Seiten – Milch und Fleisch – zu guten Erträgen zu kommen. Diesen Trend bestätigt auch Dr. Heiner Kahle von der RSH Rinderzucht Schleswig-Holstein e.G. 2016 zählte er im Land zwischen den Meeren bis zu 50.000 Kreuzungskälber, „in fünf Jahren werden wir bei 80.000 Tieren sein, wenn sich der bisherige positive Trend der letzten Jahre so fortsetzt“, vermutet der Marktexperte. Während 2012 nur 7 Prozent des von der RSH verkauften Spermas von Fleischrindern stammte, so ist die Quote laut Dr. Kahle aktuell auf 20 Prozent der Gesamtbesamung angestiegen.

Bernd Thies ist einer von den Landwirten, die auf die zwei Ertragsschienen in der Rinderzucht umgestellt haben. Vor zwei Jahren musste er seinen Betrieb aufgrund des Virus BHV 1 2015 vollkommen „durchsanieren“, wie er sagt. 1.000 Kühe führte er zum Schlachthof und baute seinen Bestand völlig neu auf. Da Thies anders als viele reine Milchbetriebe nicht ausschließlich auf eigene Nachzucht setzt, begann er das Experiment, seine Kühe mit Blauweißen Belgiern und Limousin zu kreuzen. Diese robusten Rassen haben einen ganz anderen Körperbau, sind kräftiger als die Holstein-Friesian und bieten viel Muskelmasse an den richtigen Stellen. Außerdem sind die Belgier eine leicht kalbende Rasse – was für Milchbetriebe außerordentlich wichtig ist –, sodass es bei der Kreuzung in der Nachzucht nicht zu Problemen kommt.

In Steenfeld stehen jetzt 700 Tiere in großzügigen Offenställen, davon 350 Kühe mit einer Jahresleistung von durchschnittlich 9.000 Litern. Thies denkt an die Zukunft und hat noch Platz, um auf 500 Kühe zu erweitern. Er füttert GVO-freies Rapsschrot und verzichtet auf Soja. Die niedrigen Verkaufspreise für die 14 Tage alten Bullenkälber, die meistens von Schleswig-Holstein nach Westfalen exportiert wurden, waren für den Bauern der Anstoß zum Umdenken und „die einzige wirtschaftliche Alternative war, mit Fleischrassen zu besamen“. Nun verkauft er seine weiblichen Kreuzungskälber „für einen guten Preis“, wie Bauer Thies zufrieden kundtut. Die männlichen Exemplare bleiben zur Mast auf dem eigenen Hof.

Das gefällt Harald Sachau. Denn Vions Rinderschlachtbetrieb hier oben im Norden in Bad Bramstedt braucht in der zunehmenden Internationalisierung der Märkte verschiedene Qualitäten. Nur mit Kühen oder den schlanken Holsteiner Jungbullen können die verlangten kräftigeren Fleischstücke nicht geliefert werden. Im Fleischbetrieb freut man sich deshalb, wenn dann auch mal ein Tier mit 420 Kilogramm Schlachtgewicht am Haken hängt – der Vorteil von gekreuzten Fleischrindern gegenüber den schwarzbunten Jungbullen, die bei 380 bis 400 Kilo liegen und für dieses Gewicht auch noch bis zu vier Monate länger im Stall stehen. Und die Klassifizierung ist auch gleich eine andere: Während die Schwarzbunten mit O und P eingestuft werden, landen Kreuzungsrinder mit Belgiern im Blut bei R und U. Das macht sich dann schon im Ertrag bemerkbar.

Diese zusätzliche Ertragsquelle hat sich bei den Milchviehbetrieben in Schleswig-Holstein herumgesprochen, wie Dr. Kahle von der RSH anhand der Nachfragen nach gesextem Sperma feststellt. Die Erfolgsquote liegt bei 90 Prozent und rechtfertigt seiner Ansicht nach den etwas höheren Preis. „Durch den Einsatz von Fleischrinder-Sperma kann ein qualitativ hochwertiges Kreuzungskalb erzeugt werden, das derzeit deutlich höhere Erlöse erzielt als ein Holstein-Kalb“, sagt der Experte.