Kreuzungskälber
Bullenmast als Ergänzung zur Milchviehhaltung

Ortstermin in der Bauernschaft Stafstedt: Vor acht Jahren begannen die jungen Landwirte Volker Kühl und seine Frau Christine als Hofnachfolger ein Experiment mit Weißblauen Belgiern. Sie kreuzten ihre holsteinischen Milchkühe mit den muskulösen weißen Riesen und nahmen die männlichen Kälber in die Bullenmast auf. Was ist daraus geworden? Ist das ein Geschäftsmodell auch für andere Betriebe, Milchviehhaltung und Bullenmast mit Fleischrindern? Es hängt von der Betriebsgröße ab. Hier in Stafstedt passt das offenbar genau.

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Manch einer sagt Sätze, ohne dass er wirklich weiß, was er damit meint. Hier aber fällt einem ein Zitat wie „Da ist der Name Programm“ ein, wenn man am langen Tisch in der offenen Bauernküche im Haupthaus dieses Hofes in Stafstedt Platz nimmt. Hier passt es. Das Ehepaar Kühl erzählt, wie sie ihre 470 Tiere zählende Rinderherde managen – kühl, überlegt, sachlich.

So ist man halt hier oben. Die Bauernschaft Stafstedt erreicht man erst nach mehr als zehn Kilometern Fahrt von der Autobahn A 7 durch mehrere Dörfer, entlang von viel Grün- und Ackerland. Rendsburg heißt die nächste größere Stadt, Ostseeküste und dänische Grenze sind nicht weit entfernt. Im Sommerhalbjahr muss es hier richtig schön sein, im Winter scheint es noch etwas kälter, nasser und windiger zu sein als anderswo in Deutschland. Der kräftige Kaffee und das süße Gebäck, gereicht von Christine Kühl, tun gut.

Volker Kühl, in schwarzer Latzhose, kommt rein und nimmt sich einen Stuhl. Jetzt kommen Fakten auf den Tisch. Er wirkt absolut zufrieden, wenn er die Zahlen präsentiert. Bei ihm stehen 222 Kühe unterm Dach, von denen aktuell 200 gemolken werden, und 80 Mastbullen. „Die Bullenmast ist eine perfekte Ergänzung zur Milchviehhaltung. Das ist wichtig für die Stabilität und die Liquidität der Betriebe“, sagt er. Vor allem in Zeiten von schwankenden Preisen bei der Milch könnte die Fleischseite einen Ausgleich bei den Einnahmen bilden.

Das ist zwar aktuell kein Thema, aber es kann schnell wieder eines werden.

Dennoch glaubt Kreuzungsexperte und Berater Dr. Hans-Jürgen Kunz nicht, dass Milchviehbetriebe im großen Stil zusätzlich in Bullenmast investieren. „Wir werden noch mehr Spezialisierung bekommen“, ahnt er. Harald Sachau, der für die Vion Zucht- und Nutzvieh hier oben im Norden den Rindereinkauf verantwortet, würde das gern anders sehen. „Der Bedarf an Fleischbullen steigt und den kriegen wir in Schleswig-Holstein nicht gedeckt.“ Da Regionalität in der Fleischvermarktung immer wichtiger wird, hat er natürlich ein großes Interesse daran, dass der Schlacht- und Zerlegebetrieb von Vion in Bad Bramstedt den Bedarf an fleischtragenden Rindern direkt vor der Haustür einkaufen kann. Und diese Qualität liefern die in Schleswig-Holstein beheimateten Schwarzbunten halt nicht.

Volker Kühls „positive Erfahrungen“ müssten eigentlich zu einem Boom im Land zwischen den zwei Meeren führen. Von 100 Geburten im Jahr bleiben die 50 männlichen Kälber auf dem Hof, die weiblichen Kreuzungskälber werden verkauft und gehen in die Färsenaufzucht. Schon allein der Verkauf der Kälber mit dem etwas höheren Geburtsgewicht bringt zusätzlichen Ertrag: Während aktuell die Schwarzbunten mit bis zu 100 Euro pro Nachwuchstier gehandelt werden, gehen männliche Kreuzungskälber für bis zu 250 Euro vom Hof. „Die weiblichen Kälber lassen sich besser vermarkten als die schwarzbunten Kuhkälber, die zur Nachzucht benötigt werden“, so die Erfahrungen von Kühl. Und seine Frau Christine räumt auf mit der landläufigen Meinung der schweren Geburten. „Wir haben bisher keine Kaiserschnitte gehabt, sogar Zwillings­geburten waren kein Problem.“

Problemlos geht es auch im Bullenstall zu. „Zunächst einmal haben die Tiere keinen Stress, denn sie bleiben ja von der Geburt an auf dem Hof“, sieht Volker Kühl weitere Vorteile in der Bullenmast. Und die Aufzucht sei ziemlich unkompliziert, da die Belgier über einen friedlichen Charakter verfügten. Das kann man so sagen, man kann es auch sehen. Im offenen Stall herrscht absolute Ruhe, da stehen die musbelbepackten Kreuzungsbullen neben den etwas schlankeren Holstein-Friesian und fressen sich ihre Kilos an. „Die Kreuzungen sind

einen Monat früher schlachtreif. Wir versuchen, sie so schwer wie möglich zu machen“, sagt Kühl. Nach 20 Monaten ist das geschafft, heraus kommt dann ein Schlachtgewicht von 400 Kilo plus x. Die Hälfte aller Bullen in der Kühlschen Mast sind inzwischen Kreuzungen.

Harald Sachau gefällt das: „Das ist eine tolle Sache mit den Belgiern.“ Andere Fleischrassen wie Limousin oder Charolais liefern bei den Kreuzungen mit den heimischen Friesian ebenfalls gute Ergebnisse, wenngleich der Fleischexperte weiß: „Die Tiere sind kleiner.“ Was ihm aber durchweg gefällt, ist ganz einfach der höhere Fleischanteil bei den Kreuzungsbullen. Und: „Die Aufzucht ist für den Landwirt werthaltiger“.

Die Kühls haben aber auch Leistungen und Ertrag auf der Milchseite gesteigert. Lieferte ihre Herde vor sechs Jahren im Schnitt 9.500 Liter pro Kuh ab, so sind es jetzt schon 10.700 Liter, 11.000 sind das Ziel. Wie Volker Kühl das macht? „Wir versuchen, überall besser zu werden“, sagt der Landwirt.

„Vieles hängt mit der Fütterung zusammen. Von seinen 140 Hektar Acker und

Grünland erntet Kühl das Futter, einen besonders stärkehaltigen Mais und fünfmal im Jahr frischen Grünschnitt.

Und er melkt seine Kühe nicht bis zum letzten Tropfen. Im Schnitt werden sie 5,6 Jahre alt und gehen dann als gesunde Tiere zu Vion nach Bad Bramstedt. „Rund 900 Euro gibt es derzeit für eine Kuh“, sagt Volker Kühl. Und er wirkt dabei zufrieden.