Musterbetrieb produziert auch für unseren Standort Duben
Integrationsbetrieb wird von Top-Agrarmanager geleitet

Heiko Terno ist erfolgreicher Agrarmanager und leitet nun als Geschäftsführer das von der AWO Südbrandenburg betriebene Gut Kemlitz. Einige der dort aufgezogenen Schlachtrinder und Kälber werden von der Vion Zucht- und Nutzvieh in Duben erfasst und die Schlachtrinder an den Schlachthof Altenburg verkauft und dort weiter verarbeitet. Dass der 46-Jährige vor eineinhalb Jahren beruflich in seine Heimat zurückkehrte, hatte er so nicht geplant.

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Doch nach seinen landwirtschaftlichen Lehrjahren zu DDR-Zeiten machte Terno sich in Kümmritz einen Namen als erfolgreicher Agrarmanager. Zusammen mit zwei Partnern betrieb er von 1993 bis 2009 in einer GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) einen Hof mit 180 Milchkühen. Doch der Heimat blieb er verbunden, die Familie wohnt dort im Eigenheim. Und wie es der Zufall nun so wollte, kam 2017 das Angebot, direkt vor der Haustür zu arbeiten – als Geschäftsführer des von der AWO Südbrandenburg betriebenen Gutes Kemlitz.

AWO-Reha-Bauernhof zur Integration von Menschen mit Behinderung klingt zunächst einmal nach einer kleinen fürsorglichen Einrichtung. Was für eine Fehlannahme. Heiko Terno erspäht uns schon auf der langen Einfahrt zwischen den Wirtschaftsgebäuden. Rechts der Maschinenpark mit einem nagelneuen Riesenschlepper, der Chef steigt in seinen Bulli, einen VW-Bus, und fährt voraus. Herzlich, freundlich und ein wenig stolz lässt er angesichts unseres Erstaunens erst einmal die Fakten sprechen: 1.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche werden beackert, Mais, Getreide, Raps und Weidegras – das klingt nach Nutztierhaltung. Genau: 400 Kühe müssen versorgt werden, mit Nachzucht stehen 700 Rinder in den offenen Ställen, denen man die Herkunft aus Zeiten vor der Wende noch ansieht.

Die Tiere wollen wir jetzt mal sehen, immerhin liefert Gut Kemlitz jedes Jahr 100 Kühe an Vion. Dafür müssen wir erst einmal in Ternos Bus. Rüber über die B 102. Die Bundesstraße führt praktisch mitten durch das Gut, die Ställe liegen getrennt von den Wirtschaftsgebäuden auf der anderen Straßenseite. Kurz angehalten bei einer 3-Mann-Truppe, die Reparaturarbeiten mit einem kleinen Bagger ausführt, ein paar aufmunternde Worte, dann fährt Terno in eine riesige Futterhalle. Hier wird gemischt, eigenes Getreide, Kraftfutter und Rote Bete. Rote Bete? „Ja, Rote Bete“, sagt Terno. Da ist er ganz Pragmatiker. „Die werden hier auf den Gemüsefeldern im Spreewald angebaut und was übrig bleibt und nicht vermarktet werden kann, nehme ich gern zur Fütterung. Da sind tolle Nährstoffe drin.“ Die Mischung ist natürlich geheim und einzigartig in Deutschland. Der Geschäftsführer selbst glaubt nicht, dass noch irgendwo in Deutschland einer seiner Berufskollegen seinen Kühen Rote Bete serviert. „Ich muss nur aufpassen, dass die Mischung stimmt, sonst wird die Milch rot“, schmunzelt er. Mit der Leistung seiner Kühe ist er zufrieden, im Durchschnitt liefern sie zwischen 30 und 32 Liter am Tag ab, macht 9.000 Liter pro Kuh im Jahr.

Weiter geht’s. Gleich hinter den Ställen eine große eingezäunte Weide, in der Mitte eine Baumgruppe. „Die Färsen leben am besten draußen in der Sonne“, sagt Terno. Wenn das so ist, dann kann man das hier in der Lausitz praktizieren, wo es an Fläche nicht fehlt.

Nächste Station der Nutztierhaltung ist der Schweinestall. Wieder hat Terno eine Überraschung parat. Wer nun angesichts der Hektar-Fläche des Betriebs die in Ostdeutschland üblichen großen Einheiten der Schweinemast erwartet, steht ziemlich ratlos vor einem Gatter, hinter dessen Planken 20 ziemlich borstige und kräftige Schweine mit der Nase im märkischen Sand wühlen. Bio-Idylle auf diesem Hof? „Nein, wir machen ein Regionalprogramm mit einem Metzger“, beschwichtigt Terno. „Und wir verdienen damit gutes Geld.“ Die 20 Tiere haben einen eigenen Stallmeister, der sie mit gekochten Kartoffeln aus der eigenen Produktion füttert, hegt und pflegt – und in stillen Momenten wahrscheinlich auch noch streichelt. Die Folge: eine Premiumfleischvermarktung des Märkischen Kartoffelschweins aus Brandenburg. Eine Nische – bedient vom Großbetrieb!

Ein Mitarbeiter für 20 Schweine – das kann es wohl nur auf einem landwirtschaftlichen Integrationsbetrieb geben, der allerdings auch erfolgreich wirtschaften muss. „Die Zahlen müssen stimmen“, so der Geschäftsführer. Und der Schweinebetrieb liefert gute Erträge, so gute, dass der Bereich weiter ausgebaut wird. 40 Landwirte und landwirtschaftliche Mitarbeiter beackern zusammen mit 17 Behinderten das Gut Kemlitz. Ein interessantes Modell der AWO Südbrandenburg, die das Gut 1994 übernommen hat. Allerdings stößt das Modell auch an seine Grenzen. So beklagt Terno, der sich gern noch breiter aufstellen möchte und dafür eine Anlage für Freilandhühner mit sechs Quadratmetern Auslauf pro Tier plant, die politischen Beschränkungen. Die Krux: Er managt einen Großbetrieb und für Großbetriebe ist keine Förderung vorgesehen, sondern nur für Klein- und Mittelbetriebe. Ohne staatlichen Zuschuss aber kann er sein 1,5 Millionen Euro teures Investitionsvorhaben nicht realisieren. Und dabei fehlen allein im Großraum Berlin jeden Tag 400.000 Eier, hat er recherchiert. Die könnten doch gut aus diesem Fleckchen Brandenburg kommen.