In der fünften Generation
Tobias Holdorf ist Vollblut-Viehhändler

Viehhändler aus Leidenschaft zu sein, ist in Zeiten wie diesen nicht ganz einfach. Erst recht nicht, wenn man die fünfte Generation einer Viehhändlerfamilie repräsentiert. Tobias Holdorf nimmt´s gelassen. Er arbeitet in Neumünster für die Vion Zucht- und Nutzvieh im Außendienst. Ortstermin zusammen mit seinem Vater und Großvater.

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Schon auf den ersten Blick ist klar: Diese drei Männer sprechen dieselbe Sprache. Atmen denselben Stallgeruch, lieben ihren Job. Günter Holdorf ist 82 Jahre alt und sagt Sätze wie: „Viehhandel steckt bei uns Holdorfs in der Erbmasse.“ 

Was wie eine Bürde klingt, zaubert seinem Sohn Thomas (59) ein stolzes Lächeln ins Gesicht. Denn mit seiner Frau Frauke führt der agile Tierexperte seinen Betrieb als Vertrauensmann. Der gemeinsame Sohn Tobias ist heute 26 Jahre alt und hört solche Kommentare seines Vaters gern: „Ich bin sprachlos, meine größte Hochachtung, wie Tobi mit den Landwirten umgeht. Der eine kann’s, der andere eben nicht.“ So einfach ist das in der Familie Holdorf.

Was Vater Holdorf damit meint: In der Landwirtschaft und der Viehzucht herrscht ein ganz besonderer Ton untereinander. Etwas rauer, etwas skeptischer, etwas misstrauischer. Da muss man sich als junger Mann den Respekt erst hart verdienen. Wie das geht? Nach dem Holdorf-Gusto ebenfalls ganz einfach: mit Vertrauen. Aufbauen, nicht enttäuschen, dann über den Namen an die nächste Generation weitergeben. Und wieder von vorne. So läuft das schon seit 1898, als Wilhelm Holdorf als eigenständiger Viehhändler auf dem Markt agierte. In den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam Henry als Nachfolger, dann Günter, Thomas und heute dazu noch Tobias.

Die Perspektive und große Hoffnung ist, dass Sohn Tobias auch einmal als Vertrauensmann (VM) einsteigt. Denn nach Meinung seines Vaters bringt er alle dafür notwendigen Voraussetzungen mit: Der Schlüssel zum Erfolg ist der persönliche Kontakt zu den Landwirten und den Abnehmern. Das System ist einzigartig in Deutschland: Die Vertrauensmänner arbeiten in Schleswig-Holstein wie freie Handelsvertreter und sind die entscheidenden Ansprechpartner für die Vion Zucht- und Nutzvieh in Neumünster. Standortleiter Harald Sachau und sein Team betreuen die VMs sehr intensiv. Jeder

seiner Mitarbeiter ist mit diesen wichtigen Viehvermittlern täglich mehrfach in Kontakt. Nur so sind die Zahlen zu schaffen, die von dem Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt erwartet werden. Mehr als 70.000 Schlachtrinder im Jahr. Hinzu kommen noch 600 bis

700 Nutzkälber, bis zu 100 Futterbullen und gut 100 Milchkühe pro Woche. All das bewegt er mit seinem Team. Die Basis dafür sind Viehhändler wie die Holdorfs – ohne sie geht es nicht.

Tobias Holdorf ist ein junger Mann, der weiß, was er will. In der Runde mit Vater und Großvater fällt auf, dass er weniger redet, abwartet, nachdenkt und Sätze sagt wie: „Ich sehe eine rosige Zukunft.“ Ins gemachte Nest möchte er sich aber nicht setzen und einfach irgendwann das Gebiet des Vaters übernehmen. Erst einmal sein eigenes Gebiet aufbauen, Vertrauen schaffen und Erfahrungen sammeln. Danach dann Gebiete zusammenlegen und schrittweise beim Vater mit einsteigen.

Das klingt nach einem Plan. Den hat der heute 26-Jährige, nachdem er in Hamburg eine dreijährige Ausbildung zum Immobilienkaufmann absolviert hatte, nie aus den Augen verloren. Am 1. März 2017 begann er als Trainee bei der Vion Zucht- und Nutzvieh in Neumünster und hat das seitdem keinen Tag bereut. „Mein Großvater und mein Vater mussten das machen, ich habe mich frei entschieden, Viehhändler zu sein“, sagt er voller Überzeugung. Die Zeiten haben sich insgesamt geändert.

Heute läuft das Viehhandelsgeschäft per E-Mail oder WhatsApp – für Tobias Holdorf ein ganz alltägliches Medium, schließlich werden die Landwirte auf den Höfen ja auch immer jünger. Ihnen allen hilft Vion schon jetzt bei zeitaufwendigen Verwaltungsaufgaben. Die Abrechnung lief früher immer über mehrere Ecken. Heute rechnet die Vion Zucht- und Nutzvieh direkt mit dem Landwirt ab – das ist einfacher für alle und schafft zusätzliches Vertrauen. Tobias Holdorf merkt beim Blick auf die nackten Zahlen seiner Branche, dass er zu einer fast aussterbenden Spezies gehört.