Rinder-News

Eine Frage der Zeit

31-01-2022

Kälbermast.

Aufgewachsen mit Kühen, Mast- schweine und Bullen, produziert Nico Wohlert seit neun Jahren fast ausschließlich Rosé-Kälber. Für deren Tierwohl nutzt sein Familienbetrieb neben „viel Platz und gesundem Futter“ sogar eine Fußbodenheizung im Stall – und seit wenigen Monaten eine strategische Entschei- dung von Vion in Bad Bramstedt.

Jahrtausendwende in Deutschland. Das Statistische Bundesamt zählt (noch) 500.000 bäuerliche Betriebe, Landwirtschaftsminister (neuerdings) in Berlin ist Karl-Heinz Funke aus Friesland, doch vor seiner Tür drängeln sich schon BSE und die „Grünen“. Und auf dem Hof Wohlert im schleswig-holsteinischen Silberstedt übernimmt Nico Wohlert den elterlichen Betrieb den er bereits seit Anfang der 90er Jahre mit geleitet hat, erinnert sich der Landwirt beim Besuch des ProAgrar-Teams.

Begrüßung, erste Tasse Kaffee, „un‘ wer seid Ihr jetzt alle“ hat der Landwirt – die Uhr kurz mal 15 Minuten zurückgedreht – praktischerweise gleich im Stall stattfinden lassen. „Wir wollen ja keine Zeit verlieren, gibt ja viel zu erzählen aus den letzten 20 Jahren“. Fast gehen seine Worte unter, im Motorengeräusch eines mächtigen ‚Maxxum‘, der samt Futtermischwagen aus der Stallgasse rollt. Und damit sind wir schon voll im Thema. „Der rührt den Mix für unsere Tiere horizontal“, erklärt der Landwirt wie aufs Stichwort, „viel schneller als ein vertikales Mischwerk“. Wenn – wie an diesem Morgen – Wohlert’s jüngste Tochter Jule den 20 Tonnen schweren Hänger durch die Mittelgasse steuert, sind 360 Tiere im Stall nach fünf Minuten versorgt. Das Nachschieben – mit einem ‚Bobman‘ Stunden später – erfolgt nicht viel weniger flott. Deutlich schneller allerdings ist dann wieder Mario Jensen unterwegs – der einzige Mitarbeiter auf dem Hof, der nicht zur Familie gehört. Mit einem Milchtaxi braucht er grad mal eine Stunde, um 1.080 Kälber mit Milch zu versorgen. Und während der 700-Liter-Tank des Elektro-Fahrzeugs gerade erst leer läuft, wird im Milchraum nebenan computergesteuert bereits die nächste Mischung angesetzt. Zeitverlust? Null! Warum hier in den Ställen die Vergabe von Milch und Grundfutter auf getrennte Seiten erfolgt? „Wir überlassen nix dem Zufall,“ so der Landwirt. Ziele, Zeiten, Zahlen – alles ist hier messbar. „Wenn sich was bewährt, wird es übernommen“, so Wohlert. „Wenn nicht, ziehen wir einen Strich“. Mit diesem Rezept hat der Landwirt gemeinsam mit seiner Frau Yvonne den Familienbetrieb sukzessive „komplett neu aufgestellt“. Heute bewirtschaftet der Betrieb 270 Hektar Fläche, davon 200 mit Ackerbau.

In den Sommermonaten stehen 200 Weidetiere auf dem 30 km entfernten Eiderstedter Marschland, Bullen, Kreuzungsfärsen oder Kühe. Doch das Kerngeschäft der Wohlerts ist seit neun Jahren die Kälbermast.

Auf dem Hof stehen 3.240 Masttiere in verschiedenen Ställen.Von Lieferanten wie der Vion Zucht- und Nutzvieh GmbH bezieht er dafür zu 95 % Holsteiner Kälber, „am liebsten Schwarzbunte, die in der Gewichts- zunahme etwas besser sind als Rotbunte“, so Wohert‘s Erfahrung. Rund 14 mal pro Jahr wird dazu neu aufgestallt – immer 360 Kälber, ausschließlich Bullen, zwei bis drei Wochen alt, mit einem Ankunftsgewicht von knapp 60 Kilo. Nach 24 Stunden ist der Stall bezogen, obwohl jeder der Ankömmling den ersten drei Wochen aus hygienischen und Tierwohl-Gründen eine Einzelbox bekommt. Bis zum Erreichen der Altersgrenze, die bei Kälbern nach exakt 239 Tage erreicht ist, bleiben die Gruppen fortan immer zusammen, werden mit drei Monaten zur Endmast nur einmal umgestallt. „So haben wir immer neun Altersgruppen auf dem Hof, à 360 Tiere. Dadurch werden bei uns im Jahr ca. 5.000 Kälber gemästet.“ In Gänze beschrieben ist das Geschäftsmodell des Landwirts damit aber noch nicht. Denn seit der Umstellung auf reine Kälberhaltung mästet Nico Wohlert seine Tiere auf „Roséfleisch“, einen Markt, der sich lange Zeit quasi in der Nische wohlfühlen konnte, doch gerade in den vergangenen Monaten auf eine signifikant zunehmende Nachfrage stößt. „Die Handhabung von Rosé ist einfacher als die Weißfleischmast“, erklärt Wohlert, der seinen Tiere mit zunehmenden Alter eine Totalmischration verfüttert, die Maissilage, Kraftfutter und etwas Stroh enthält. Vor allem die Fütterung sorgt für die Fleischfarbe Rosé. Die durchschnittliche Gewichtszunahme von 1.300 bis 1.400 Gramm über die Mastdauer hinweg, steigert Wohlert in der Endmast auf fast zwei Kilo täglich. „Unser Ziel ist es ein durchschnittliches Schlachtgewicht von 175-180 kg zu erreichen.“

Das Erfolgsrezept, davon ist Nico Wohlert überzeugt, „liegt neben gesundem Futter aber vor allem im Platz der Tiere“. In den Endmastställen 2,5 Quadratmeter für jedes Kalb. Eine ausgeklügelte Stall-Klimatisierung und Gummimatten auf Spaltenböden vermeiden erfolgreich Atemwegs- oder Gelenkerkrankungen der Tiere. In den Aufzuchtställen herrschen dank temperierbarer Belüftung und mit Biogas betriebener Fußbodenheizung angenehme 18 °, in den Mastställen 14 °. Und – für die stabile Gesundheit im Bestand „wird Tag für Tag je- des unserer Tiere einmal begutachtet.“ Wat mutt, dat mutt, heißt es im Norddeutschen, oder wie Wohlert sagt: „Alles braucht seine Zeit“. So konnten in den letzten Jahren die Verlustrate im Betrieb auf 0,5 % sowie die Tierarztkosten noch einmal signifikant gesenkt werden.

Jeder Fortschritt, den der Landwirt so erzielt, findet Anerkennung. Nicht nur bei Schulklassen, die den Betrieb regelmäßig besuchen. Auch bei seinen Eltern Elke und Werner, die das Geschehen im Betrieb Tag für Tag voller Begeisterung begleiten. Dass der Sohn – und nicht eine der zwei Schwestern – den Hof übernehmen würde, war für alle Beteiligten übrigens früh absehbar.„Ich hatte immer schon ‚Bock‘ dazu“, lacht der Landwirt aus strahlend blauen Augen, „die Frage hat sich quasi nie gestellt“.

20 Jahre später sind es heute zwei Dinge die Yvonne und Nico Wohlert besonders freuen. Erstens: „Seitdem Vion im nahen Bad Bramstedt nun auch Kälber schlachtet, sind wir vom ersten Tag an dabei“. Denn damit entfallen für viele seiner Kälber längere Transportzeiten. Noch größere Freude beschert den Eheleuten aber, dass die Frage der fünften Generation auf dem Hof schon beantwortet ist. Mit Jule (20) und ihrer Schwester Laura (21), die zwischen- zeitlich auch eingetroffen ist, stehen zwei bereit, die unisono erklären: „Bauer ist noch immer der wichtigste und seit unserer Kindheit definitiv der schönste Beruf der Welt. Dass wir den Hof übernehmen wollen, ist doch klar“.